Spurensuche
Erst durften sie nicht, dann wollten sie nicht
Gymnasiasten
auf mühsamer Spurensuche in Sachen Nazi-Verbrechen
Staatsanwalt Riedel schont die Jungen nicht.
Eine Frau muss den Kopf ihres zweieinhalbjährigen Kindes vor sich halten,
damit ein Nazi-Scherge ihn mit einer Axt spalten kann. Das Vernehmungsprotokoll
stammt aus den vielen, vielen Akten der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltung
zur Aufklärung national-sozialistischer Verbrechen" in Ludwigsburg.
Zu hart, sagt Tobias (17), sein Nachbar flüstert: "schrecklich". Rund
20 Gymnasiasten des Singener Robert-Gerwig-Gymnasiums sind auf "Spurensuche".
So lautet ihr Projekt, das weit mehr ist als die Aufbereitung eines
literarischen Stoffes. Rolf Hochhuths "Eine Liebe in Deutschland" lieferte
den Anstoß, die Nazidiktatur erfahrbar zu machen. Der Beschluss des
Stuttgarter Kultusministeriums, den in den 70ern wegen der Anspielungen
auf Hans Filbinger in seiner Funktion als Marinerichter im Dritten
Reich viel diskutierten Band aus der Pflichtlektüre für das Abitur
an beruflichen Schulen zu nehmen, hatte sie zusätzlich angestachelt,
das Unfassbare zu ergründen. In Brombach, jenem von Hochhuth geschilderten
Ort im. Wiesenthal, wo der polnische Kriegsgefangene Stasiek Zasada
erhängt wurde, weil er eine Affäre mit einer Deutschen hatte, hatte
die etappenreiche Suche begonnen. Es folgte Gailingen (jüdische Gemeinde), Überlingen
(die Außenstelle des KZ Dachau), Lahr/Maulbronn (wo eine Hitler-Glocke
bimmelt), Mühlhausen (Widerstand) und Engen, das Hitler immer noch
in der Ehrenbürgerliste führt? Jede Gegend hat ihr Brombach", sagt
Studiendirektor Reinhold Reuss. Und weil die beste Motivation im Erreichen
von Zielen besteht, machen es die Schüler konkret: Spurensuche mit
Zielvorgaben. In Ludwigsburg wollen sie wissen, ob in den 25 911 Ortskarteien
auch Brombach zu finden ist. Immerhin zieht Riedel ein Kärtchen raus
- auch wenn das abgestaubte Archiviersystem den schnellen Erfolg nicht
bringt. Die Kartierung arbeitet mit Aktenzeichen, Namen, Querverweisen.
Kein Ordner aber, der den "Fall" des Polen Stasiek schildert. Das macht
es zäh, Recherchen wären nötig. Watterdingen, das inzwischen von Tengen
eingemeindete Hegaug-Dorf, wo ebenfalls ein Fremdarbeiter wegen seiner
Liebe am Birnbaum baumelte, hat das Gehölz längst abgesägt. Einen aktenkundigen "Fall" gibt
es nicht. Keine strafrechtliche Verfolgung. Joachim Riedel, der eifrige
Staatsanwalt, muss den Schülern erklären, warum die deutsche Justiz
den Watterdingern nicht den Prozess gemacht hat. Warum? Er könne "nicht
sagen, da ist nichts gelaufen", meint der Jurist. Es geht um Zuständigkeiten.
Zuerst durfte man nicht, dann wollte man immer weniger. "Die großen
Fische sind alle tot", sagt Zentralstellenleiter Kurt Schrimm. Doch
den Schülern geht es ja nicht um die großen Fische, sondern um das
Verbrechen im Kleinen, das Zusehen, das Mitmachen und das Schweigen
- bis heute. Und so erzählt Staatsanwalt Riedel, dass die Ermordung
des "Fremdvölkischen" Zasada nicht etwa geahndet wurde, weil sich schlechtes
Gewissen im Ort geregt habe, sondern weil die Order des Berliner Reichssicherheitshauptamtes" missachtet
worden sei. "Sonderbehandlungen" hatte danach ausschließlich die Gestapo
vorzunehmen - und weder der Förster, der Lebensmittelhändler oder die
Lehrerin. Ernüchternde Erkenntnisse. Ernüchterung auch im Stuttgarter
Landtag. Staatssekretär Helmut Rau bleibt dabei: Es sei "Literatur
als Kauknochen" (Frankfurter Allgemeine Zeitung) mit "sehr platten
Parallelen zu demokratisch legitimierten Politikern". Dass Rolf Hochhuth
dröhnend kommentierte, der Rechtsradikalismus tobe sich "auch in der
Spitze der Ministerialbürokratie" aus, hatte die Ablehnung dann nur
noch zementiert. Rau begründet mit dem Mangel an Sekundärliteratur.
Michelle (17) sagt noch, sie habe "soviel dazu gefunden". Aber Aufsätze
sind natürlich nicht "Königs Erläuterungen". Es fehlt an erklärender
Konfektionsware. Nicht alle Schüler, argumentiert Staatssekretär Rau,
genössen schließlich ein solch ,,vorbildliches Unterrichtsprojekt".
Mit der Idee eines Podiumsgespräches der Ministeriumsspitze mit dem
Verfasser des "im Rang reduzierten" (Rau) Buches waren die Schüler
angereist. Gerne, sagt der Staatssekretär, "wenn sich Herr Hochhuth
für seine Äußerungen entschuldigt". "Na also", entfährt es der 18jährigen
Eileen. Wieder ein Etappenziel geschafft. Ob der sperrige Dichter auch
nur ein Wort zurücknimmt, wissen sie nicht.
Quelle: Südkurier 29.9.2001


