Robert-Gerwig-Schule, Singen
oes
Spurensuche
Spurensuche

Erst durften sie nicht, dann wollten sie nicht
Gymnasiasten auf mühsamer Spurensuche in Sachen Nazi-Verbrechen

VON SUDKURIER-REDAKTEURIN GABRIELE RENZ
Staatsanwalt Riedel schont die Jungen nicht. Eine Frau muss den Kopf ihres zweieinhalbjährigen Kindes vor sich halten, damit ein Nazi-Scherge ihn mit einer Axt spalten kann. Das Vernehmungsprotokoll stammt aus den vielen, vielen Akten der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltung zur Aufklärung national-sozialistischer Verbrechen" in Ludwigsburg. Zu hart, sagt Tobias (17), sein Nachbar flüstert: "schrecklich". Rund 20 Gymnasiasten des Singener Robert-Gerwig-Gymnasiums sind auf "Spurensuche". So lautet ihr Projekt, das weit mehr ist als die Aufbereitung eines literarischen Stoffes. Rolf Hochhuths "Eine Liebe in Deutschland" lieferte den Anstoß, die Nazidiktatur erfahrbar zu machen. Der Beschluss des Stuttgarter Kultusministeriums, den in den 70ern wegen der Anspielungen auf Hans Filbinger in seiner Funktion als Marinerichter im Dritten Reich viel diskutierten Band aus der Pflichtlektüre für das Abitur an beruflichen Schulen zu nehmen, hatte sie zusätzlich angestachelt, das Unfassbare zu ergründen. In Brombach, jenem von Hochhuth geschilderten Ort im. Wiesenthal, wo der polnische Kriegsgefangene Stasiek Zasada erhängt wurde, weil er eine Affäre mit einer Deutschen hatte, hatte die etappenreiche Suche begonnen. Es folgte Gailingen (jüdische Gemeinde), Überlingen (die Außenstelle des KZ Dachau), Lahr/Maulbronn (wo eine Hitler-Glocke bimmelt), Mühlhausen (Widerstand) und Engen, das Hitler immer noch in der Ehrenbürgerliste führt? Jede Gegend hat ihr Brombach", sagt Studiendirektor Reinhold Reuss. Und weil die beste Motivation im Erreichen von Zielen besteht, machen es die Schüler konkret: Spurensuche mit Zielvorgaben. In Ludwigsburg wollen sie wissen, ob in den 25 911 Ortskarteien auch Brombach zu finden ist. Immerhin zieht Riedel ein Kärtchen raus - auch wenn das abgestaubte Archiviersystem den schnellen Erfolg nicht bringt. Die Kartierung arbeitet mit Aktenzeichen, Namen, Querverweisen. Kein Ordner aber, der den "Fall" des Polen Stasiek schildert. Das macht es zäh, Recherchen wären nötig. Watterdingen, das inzwischen von Tengen eingemeindete Hegaug-Dorf, wo ebenfalls ein Fremdarbeiter wegen seiner Liebe am Birnbaum baumelte, hat das Gehölz längst abgesägt. Einen aktenkundigen "Fall" gibt es nicht. Keine strafrechtliche Verfolgung. Joachim Riedel, der eifrige Staatsanwalt, muss den Schülern erklären, warum die deutsche Justiz den Watterdingern nicht den Prozess gemacht hat. Warum? Er könne "nicht sagen, da ist nichts gelaufen", meint der Jurist. Es geht um Zuständigkeiten. Zuerst durfte man nicht, dann wollte man immer weniger. "Die großen Fische sind alle tot", sagt Zentralstellenleiter Kurt Schrimm. Doch den Schülern geht es ja nicht um die großen Fische, sondern um das Verbrechen im Kleinen, das Zusehen, das Mitmachen und das Schweigen - bis heute. Und so erzählt Staatsanwalt Riedel, dass die Ermordung des "Fremdvölkischen" Zasada nicht etwa geahndet wurde, weil sich schlechtes Gewissen im Ort geregt habe, sondern weil die Order des Berliner Reichssicherheitshauptamtes" missachtet worden sei. "Sonderbehandlungen" hatte danach ausschließlich die Gestapo vorzunehmen - und weder der Förster, der Lebensmittelhändler oder die Lehrerin. Ernüchternde Erkenntnisse. Ernüchterung auch im Stuttgarter Landtag. Staatssekretär Helmut Rau bleibt dabei: Es sei "Literatur als Kauknochen" (Frankfurter Allgemeine Zeitung) mit "sehr platten Parallelen zu demokratisch legitimierten Politikern". Dass Rolf Hochhuth dröhnend kommentierte, der Rechtsradikalismus tobe sich "auch in der Spitze der Ministerialbürokratie" aus, hatte die Ablehnung dann nur noch zementiert. Rau begründet mit dem Mangel an Sekundärliteratur. Michelle (17) sagt noch, sie habe "soviel dazu gefunden". Aber Aufsätze sind natürlich nicht "Königs Erläuterungen". Es fehlt an erklärender Konfektionsware. Nicht alle Schüler, argumentiert Staatssekretär Rau, genössen schließlich ein solch ,,vorbildliches Unterrichtsprojekt". Mit der Idee eines Podiumsgespräches der Ministeriumsspitze mit dem Verfasser des "im Rang reduzierten" (Rau) Buches waren die Schüler angereist. Gerne, sagt der Staatssekretär, "wenn sich Herr Hochhuth für seine Äußerungen entschuldigt". "Na also", entfährt es der 18jährigen Eileen. Wieder ein Etappenziel geschafft. Ob der sperrige Dichter auch nur ein Wort zurücknimmt, wissen sie nicht.

Quelle: Südkurier 29.9.2001